Nach sechs Jahren an der Spitze des Nachwuchsleistungszentrums der Stuttgarter Kickers wird Norbert Stippel seine Aufgabe zum Saisonende abgeben. Im Interview spricht er offen über die Beweggründe für seine Entscheidung, prägende Momente, das Fundament des NLZ und darüber, warum ihm um die Zukunft der Kickers-Jugend nicht bange ist.
Norbert, du scheidest zum Saisonende als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums aus. Warum hast du dich zu diesem Schritt entschieden?
Ich bin jetzt bald sechs Jahre bei den Kickers als NLZ-Leiter tätig, und da ist es legitim und sogar meine Pflicht, mich stets selbst zu hinterfragen, ob ich meinem Anspruch „Wenn ich etwas mache, mache ich es richtig“ noch gerecht werde. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, die Aufgabe in andere Hände zu geben.
Wie schwer ist dir diese Entscheidung gefallen? Gerade mit Blick auf die lange Zeit und die enge Bindung zum Verein.
Natürlich ist mir diese Entscheidung richtig schwergefallen, weil mir die Kickers als Verein und vor allem die Menschen bei den Kickers ans Herz gewachsen sind. Das im Übrigen längst blau geworden ist. Ich habe diesen Job jetzt sechs Jahre gemacht, wobei das viel mehr als ein Job ist. Es ist eine tolle Aufgabe, aber eben auch sehr zeitintensiv. Ich bin in diesen sechs Jahren über 200.000 Kilometer für die Kickers gefahren, habe wahrscheinlich mehr als 500 Jugendspiele gesehen und viele, viele Eltern-, Spieler- und Trainergespräche geführt.

Wenn du auf deine Zeit bei den Stuttgarter Kickers zurückblickst: Was macht dich besonders stolz?
Auf ganz vieles, was das gesamte NLZ in seinem Zusammenspiel erreicht hat. Ein NLZ ist wie eine große Mannschaft. Da ist nicht einer alleine verantwortlich, und Alleingänge führen nicht zum Ziel. Wir haben uns immer wieder gegen übermächtige Gegner behauptet und immer in den Ligen der ganz großen Vereine mitgespielt. Wir haben – was die Hauptaufgabe ist – immer wieder Spieler ausgebildet, sportlich wie menschlich. Einige spielen in unserer ersten Mannschaft, andere in der Bundesliga. Zuletzt ist ja Oskar Hencke nach Hoffenheim gewechselt. Ein weiterer Beleg für die tolle Arbeit, die unser Team leistet.
Wer trägt zu diesem Erfolg bei?
Der Name Stuttgarter Kickers hat im Jugendfußball einen großartigen Ruf – und das ist das Verdienst ganz vieler Menschen. Dieses Gesamtgebilde macht mich stolz. Ebenso, dass wir das Vertrauen einiger Personen wie des Präsidenten, des Präsidiumsmitglieds Holger Schäfer oder des Aufsichtsratsmitglieds Günther Daiss erhalten und sogar noch stärken konnten, die die Jugend immer wieder unterstützt haben. Ohne den anderen nahetreten zu wollen: Holger Schäfer war und ist der starke Motor im Kickers-NLZ. Ohne ihn wäre das NLZ nicht dort, wo es jetzt steht.

Das NLZ steht sportlich und strukturell sehr stabil da. Warum ist aus deiner Sicht genau jetzt ein guter Zeitpunkt für diesen Schritt?
Primär sind es die genannten persönlichen Gründe meinerseits. Das NLZ der Kickers ist aber in der Tat strukturell und personell sehr stabil und sehr gut aufgestellt. Auch die Einordnung in die zweithöchste Stufe der NLZs ist ein großer Schritt für die Kickers. Das alles ist definitiv nicht allein mein Verdienst – ich war ein Teil von ganz vielen. Ich bin sicher, dass mit einer neuen Person an der Spitze auch neue Impulse kommen werden, die dem NLZ guttun.
Ein Blick zurück: Was hat sich in den vergangenen sechs Jahren im NLZ beziehungsweise im Jugendfußball am meisten verändert?
Das betrifft nicht nur unser NLZ, sondern auch die Nachwuchsleistungszentren anderer Vereine. Es sind deutlich mehr „Player“ und damit auch mehr Interessen im Spiel, meist Eigeninteressen. Man braucht heute viel mehr Zeit für Gespräche mit neuen sportlichen Ansprechpartnern wie Beratern oder Eltern. Deshalb muss man auch mehr Spielbesuche unterschiedlicher Mannschaften wahrnehmen, obwohl ich immer ein sehr großes Grundvertrauen in unsere Trainer hatte.

Viele Spieler, Eltern und Trainer fragen sich: Was bedeutet dein Ausscheiden konkret für den Alltag im NLZ?
Vorweg: Die gute Jugendarbeit der Stuttgarter Kickers gibt es seit mindestens 50 Jahren – mit Weltmeistern wie Jürgen Klinsmann und Guido Buchwald – und die wird es auch in den kommenden Jahren geben, auch wenn die Aufgaben schwieriger geworden sind. Ich habe im ganzen Leben ein Motto: Kein Mensch ist unersetzlich. Das Fundament des NLZ ist so stabil und die Basis so gut – dafür stehen vor allem Präsident Lorz und Präsidiumsmitglied Schäfer –, dass die Kontinuität garantiert ist. Außerdem sind aktuell sieben Eigengewächse im Kader der 1. Mannschaft. Der Übergang ist fließend, da auch Lutz Siebrecht und sein Team den großen Mehrwert einer guten Nachwuchsarbeit sieht. Da gebe ich Entwarnung, da muss sich niemand Sorgen machen.
Die Nachfolge auf deiner Position wird nun vorbereitet. Wie blickst du auf diesen Prozess?
Wer mich kennt, weiß: Ich kann auch loslassen. Wenn ich gefragt werde, werde ich meine Meinung sagen. Aber intern. Ich habe großes Vertrauen in das Präsidium und vor allem in die Geschäftsführer Matthias Becher und Lutz Siebrecht. Mit beiden hatte und habe ich einen regelmäßigen, wunderbaren, inspirierenden und sehr freundschaftlichen Austausch sowie eine enge Zusammenarbeit. Sie leisten großartige Arbeit bei den Kickers. Lutz Siebrecht hat mich vor sechs Jahren mit großem Kampfgeist von einer Aufgabe überzeugt, von der ich zunächst nicht überzeugt war. Für diese Hartnäckigkeit werde ich ihm immer dankbar sein, denn ohne ihn hätte ich eine wunderbare Zeit in meinem Leben verpasst.
Was ist dir besonders wichtig, wenn es um die zukünftige Leitung des Nachwuchsleistungszentrums geht?
Wie gesagt: Die Kickers werden die richtige Lösung finden, da bin ich mir ganz sicher.
Welche Rolle wirst du bis zum Saisonende noch einnehmen?
Selbstverständlich werde ich mein Amt bis zum 30.06.2026 mit dem gleichen Engagement weiterführen, ein gut bestelltes Haus übergeben und somit meinen Teil dazu beitragen, dass die Kontinuität garantiert ist. Daran gibt es keinen Zweifel. Und wenn ein Nachfolger eingearbeitet werden soll, bin ich natürlich auch dazu bereit.
Was möchtest du der Kickers-Familie – Spielern, Eltern, Trainern und Mitarbeitenden – mit auf den Weg geben?
Natürlich meinen Dank an die gesamte Familie für sechs tolle Jahre, in denen auch ich noch einmal viel lernen durfte. Die Kickers sind ein ganz besonderer Verein. Wenn ich mir noch etwas für die Zukunft wünschen dürfte: noch mehr Vertrauen in unsere Trainer. Sie haben viel Wissen, machen alle einen tollen Job, sind unglaublich ehrgeizig und fleißig. Und da sind einige richtig große Trainertalente dabei. Sie alle leisten für wenig Geld Außergewöhnliches.
Wirst du den Stuttgarter Kickers auch über den Sommer hinaus verbunden bleiben?
Natürlich. Der Verein und die handelnden Personen haben mich beeindruckt. Für Fragen, die der Verein hat, stehe ich immer zur Verfügung – obwohl ich kein „Schattenmann“ sein will. Man wird mich öfter bei Heimspielen der Jugendmannschaften sehen, aber weniger bei Auswärtsspielen in Elversberg, Köln oder Kaiserslautern. Das liegt weniger an den Gegnern als an der Entfernung.
Fotos: www.stephanietrenz.com