Nachwuchs05.05.2026

Wie die Blauen Talente entdecken: Oliver Elsäßer und die Kaderplanung bei den Stuttgarter Kickers

Wenn Oliver Elsäßer über Talente spricht, geht es selten nur um Tore, Pässe oder Tabellen. Es geht um Persönlichkeiten, Entwicklung, Geduld und vordergründig um die Einschätzung von Entwicklungspotenzial. Seit vielen Jahren prägt der 52-Jährige die Nachwuchsarbeit der Stuttgarter Kickers – erst als Chefscout und jetzt in einer neuen Schlüsselrolle: als Kaderplaner bis zur U15.

Sein Weg dorthin begann nicht weit weg. Beim TV Echterdingen, seinem Heimatverein, stand Oliver Elsäßer zunächst selbst auf dem Platz, bevor er früh Verantwortung übernahm. Vom Jugendtrainer in der F-Jugend entwickelte er sich Schritt für Schritt weiter, wurde schließlich Jugendleiter und gestaltete den sportlichen Bereich maßgeblich mit. Es war dann Harun Gülcan, heutiger U19-Trainer der Blauen, der ihn ansprach und ins NLZ der Kickers lotste.

„Oliver bringt nicht nur sehr viel Erfahrung mit, sondern hat unsere Strukturen und das Leitbild für unsere Kaderplanungen über die letzten Jahre hinweg aktiv mitentwickelt“, sagt Thomas Christ, der zur neuen Saison die Leitung des Nachwuchsleistungszentrums übernimmt. „Er hat ein sehr gutes Gespür für Talent und die Differenzierung zwischen Potenzial und Performance, ist sehr empathisch in der Kommunikation, kennt die Region, die Vereine und ist bestens vernetzt – das ist in unserer Arbeit ein enormer Vorteil.“

Talente erkennen, bevor sie sichtbar werden

Im Grundlagenbereich – also bei den jüngsten Kickers bis etwa zur U11 – geht es für Oliver Elsäßer weniger um feste Positionen oder klare Profile. Vielmehr steht die Frage im Mittelpunkt: Welche „Waffen“ bringt ein Kind neben einer unabdingbaren Freude am Fußball mit? Schnelligkeit, gute motorische Fähigkeiten, ein starkes Eins-gegen-eins, vielleicht auch körperliche Entwicklungsvorteile – all das sind Hinweise, aber keine Garantien.

Erst im Aufbaubereich, ab etwa der U13, werden die Profile klarer. Positionen gewinnen an Bedeutung, Spielverständnis rückt stärker in den Fokus. Hier wird die Kaderplanung konkreter – und gleichzeitig anspruchsvoller.

Netzwerk statt klassischem Scouting

Anders als viele andere NLZs setzen die Kickers nicht primär auf ein großes Scouting-System, sondern auf ein engmaschiges, lokales Netzwerk. Trainer aus der Region, Kontakte zu Vereinen, Stützpunkten, dem Verband und Rückmeldungen aus dem direkten Umfeld liefern erste Hinweise auf interessante Spieler.

„Wir haben nicht immer die Möglichkeit, jeden Spieler zu sichten und sehen Spieler somit auch häufiger zum ersten Mal bei uns im Training“, so Oliver Elsäßer. „Dann geht es darum, sie im Kontext unserer Mannschaft zu erleben.“

Manchmal reicht dafür eine halbe Einheit, manchmal braucht es mehrere Einladungen. Entscheidend ist nicht immer der erste Eindruck – sondern die Entwicklung im richtigen Umfeld.

Ein zentraler Erfolgsfaktor ist die interne Zusammenarbeit. Die eigenen Trainer sind tief in den Prozess eingebunden, melden Talente, begleiten Sichtungen und tragen entscheidend zur Bewertung bei. Für Oliver Elsäßer ist klar: „Ohne unsere Trainer und die komplett digitalen und auch automatisierten Strukturen wäre das in dieser Form gar nicht möglich.“

Radius, Realität und Verantwortung

Die Rahmenbedingungen setzen klare Grenzen. Ohne Internat und Shuttle-Service ist der Einzugsradius der Kickers bewusst begrenzt. Lange Fahrzeiten für junge Spieler kommen nicht infrage. Der Fokus liegt klar auf der Region.

Das bedeutet auch: Konkurrenz. Andere NLZs sind in Reichweite, Talente früh zu erkennen ist das eine – sie zu überzeugen das andere. Gleichzeitig bleibt der Anspruch, Entscheidungen verantwortungsvoll zu treffen. Denn für Oliver Elsäßer geht es um mehr als Fußball.

Mehr als nur Sport

„Mich begeistert, dass wir Kindern und Jugendlichen Perspektiven geben können“, sagt er. „Nicht nur sportlich – wer früh Verantwortung übernimmt, wird auch resilienter.“

Strukturen, Zusammenhalt, Verlässlichkeit und Selbstorganisation – all das lernen junge Spieler im NLZ. Gerade in einer Zeit, in der diese Fähigkeiten immer wichtiger werden, versteht Oliver Elsäßer den Nachwuchsfußball als Schule und Vorbereitung fürs Leben.

Diese Haltung spiegelt sich auch privat wider: Sein Sohn Felix Elsäßer ist ebenfalls Teil der Kickers und als Co-Trainer im Nachwuchsbereich aktiv. Eine familiäre Verbindung, die zeigt, wie tief der Verein im Leben der Familie verankert ist. Denn, so Oliver Elsäßer: „Für mich ist es ein Privileg, diese Aufgaben bei den Kickers ausführen zu dürfen. Ich weiß das Vertrauen von Vereinsseite sehr zu schätzen.“