Verein02.09.2026

Interview mit Lutz Siebrecht: „Die Identität des Vereins steht über allem“

Zum 1. September ist die Transferphase geendet. Hinter den Stuttgarter Kickers liegt ein ereignisreicher Sommer: Zahlreiche Spieler haben den Verein verlassen, gleichzeitig wurde der Kader mit vielen neuen Gesichtern verstärkt. Nach vier Spieltagen ist der Saisonstart mit drei Siegen und einem Unentschieden sowie zehn Punkten sehr gelungen. Zuletzt gab es am vergangenen Wochenende einen 1:0-Auswärtssieg beim FC 08 Homburg, im WFV-Pokal stehen die Blauen im Viertelfinale. Im Interview spricht Geschäftsführer Sport Lutz Siebrecht über die Kaderplanung, die neue Spielweise, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und den eingeschlagenen Weg mit jungen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs.

Lutz, im Sommer gab es deutliche Veränderungen im Kader. Wenn du jetzt zum Ende der Transferphase und nach den ersten vier Spieltagen zurückblickst: Wie fällt dein Fazit der Kaderplanung aus?

Wir sind mit unserem jetzigen Kader sehr zufrieden. Wir mussten allerdings einen größeren Umbruch vollziehen, als wir ursprünglich geplant hatten. Zum einen haben uns Spieler verlassen, die wir gerne gehalten hätten. Zum anderen mussten wir auch auf die Langzeitverletzungen reagieren. Insgesamt haben wir versucht, diese Herausforderungen bestmöglich zu lösen und einen Kader zusammenzustellen, von dem wir überzeugt sind.

Auf welche Eigenschaften habt ihr bei der Zusammenstellung des neuen Kaders besonders Wert gelegt?

In der Kaderplanung geht es immer darum, zunächst für jede Position ein klares Anforderungsprofil zu erstellen. Darüber hinaus ist die Persönlichkeit eines Spielers ein sehr wichtiger Faktor. Natürlich müssen wir auch immer die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen, um einen Transfer überhaupt umsetzen zu können. Der wichtigste Faktor ist für mich aber, dass sich ein Spieler klar mit uns als Verein, mit unseren Zielen und mit unserer Spielidee identifiziert.

Lutz Siebrecht mit Cheftrainer Holger Bachthaler.

Gerade offensiv war der Umbruch groß. Einige Spieler, die in der vergangenen Saison für viele Tore und Vorlagen standen, sind nicht mehr da. Nach vier Spieltagen haben die Kickers bereits zehn Tore erzielt, nur eine Mannschaft hat bisher mehr Tore geschossen. Wie zufrieden bist du damit?

Zehn Tore in vier Spielen sind eine ordentliche Quote und sagen viel über unsere Herangehensweise aus. Wir wollen aktiv Fußball spielen und uns Torchancen erarbeiten. Natürlich ist es immer schwierig, Spieler eins zu eins zu ersetzen, die eine überdurchschnittliche Quote bei Toren und Scorerpunkten hatten. Deshalb war es wichtig, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen.

Mit dem neuen Trainerteam und dem veränderten Kader hat sich auch die Spielweise etwas verändert. Die Mannschaft wirkt physischer und legt mehr Wert auf das Spiel gegen den Ball. War das eine bewusste Entscheidung – auch bei der Kaderplanung?

Wir haben eine klare Idee davon, wie wir Fußball spielen möchten. Dementsprechend suchen wir natürlich auch Spieler, die zu dieser Spielidee passen. Die Kaderplanung und die sportliche Ausrichtung müssen dabei immer zusammenpassen. Wir wollen eine Mannschaft haben, die unsere Vorstellungen auf dem Platz umsetzen kann.

Wie groß ist die Herausforderung, sportliche Qualität und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen miteinander in Einklang zu bringen?

Über allem steht zunächst die Identität des Vereins. Wir haben eine klare Vorstellung davon, wie wir Fußball spielen wollen, wofür wir als Verein stehen möchten und mit welchem Personal wir das umsetzen können. Stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen über einen längeren Zeitraum sind dabei das Entscheidende für eine nachhaltige sportliche Planung. Sie geben uns die Möglichkeiten und gleichzeitig auch die Grenzen vor. Hier haben wir in den vergangenen beides Jahren den richtigen Weg eingeschlagen. Klar ist aber auch: Wir gehören, was den Etat angeht, nicht zu den absoluten Top-Teams der Liga. Das heißt aber nicht, dass wir nicht in jedem Spiel alles erreichen wollen.

Auch in dieser Saison stehen wieder zahlreiche Spieler aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum im Kader. Wie wichtig ist dir der Weg „Talent ins Stadion“?

Das ist ein klarer Baustein unserer Identität. Unser Anspruch ist es, möglichst viele Spieler aus unserem NLZ in unser Profiteam zu integrieren – vor allem aber auch, ihnen dauerhaft Spielzeit zu geben und sie auf dem Platz zu sehen. Wir haben aktuell mit Liri Abdullahu, Leandro Mendes, Leon Beer und Philipp Licht vier Spieler im Kader, die noch für die U19 spielberechtigt sind. Ardi Mulaj befindet sich in seinem ersten Herrenjahr. Nevio Schembri, Jacob Danquah und Leon Neamié sind in ihrem zweiten beziehungsweise dritten Jahr im Herrenbereich. Nico Blank stammt aus dem Verein und gehört zu unserem Spielführer-Trio. David Mitrovic ist aktuell verliehen. Allein die Anzahl der Spieler aus unserem Nachwuchs zeigt, welchen Stellenwert dieser Weg für uns hat.

Vergangene Saison haben mit Oskar Hencke und Mario Borac zwei Eigengewächse den Sprung in höhere Ligen gewagt. Was bedeuten dir solche Entwicklungen?

Ich freue mich in erster Linie für die Spieler und natürlich auch für den Verein, dass die Jungs eine solche Entwicklung genommen haben. Das zeigt, dass wir bei den Kickers eine gute Arbeit leisten und jungen Spielern eine Perspektive geben können. Mario hat zuletzt in Almelo sogar getroffen und ist dort Stammspieler. Ich bin fest davon überzeugt, dass noch weitere Spieler aus unserem Nachwuchs diesen Weg gehen werden. Das ist genau das, was wir mit unserem Ansatz erreichen wollen: Talente besser machen und sie möglichst dauerhaft bei den Kickers auf den Platz bringen.

Ihr wollt in dieser Saison sportlich besser abschneiden als in der vergangenen. Nach dem gelungenen Beginn mit zehn Punkten aus vier Spielen und zuletzt dem 1:0-Auswärtssieg in Homburg, der einen der besten Saisonstarts der letzten Jahre bedeutet: Wie wichtig ist es, diesen Weg nun weiterzugehen?

Natürlich möchten wir als Sportler besser abschneiden als in der vergangenen Saison. Gleichzeitig geht es für uns darum, konstant das umzusetzen, was wir uns Woche für Woche gemeinsam erarbeiten. Da befinden wir uns auf einem guten Weg, den wir auch gegen Widerstände beibehalten wollen, die auch noch kommen werden. Für uns geht es vor allem um Konstanz – und zwar als Verein. Wir möchten sowohl sportlich als auch wirtschaftlich besser werden und ein stabiles Fundament schaffen, um den SVK dauerhaft im Profifußball zu etablieren. Das ist eine große Herausforderung, die wir nur gemeinsam bewältigen können: mit allen, die im Verein tätig sind, und mit all denen, die den Verein im Herzen tragen.

Das aktuelle Trainerteam der Stuttgarter Kickers.

Nach dem großen Umbruch und dem sehr guten Start: Steht die Mannschaft aktuell schon dort, wo du sie im Sommer haben wolltest – und wo gibt es noch die größten Potenziale?

Der Start ist gelungen und hilft natürlich enorm, um weiter an vielen Bereichen zu arbeiten, in denen wir noch besser werden können. Nach gerade einmal vier Spielen ist die Saison aber noch sehr lang und es werden auch Rückschläge kommen. Was ich jetzt schon sagen kann: Die Mannschaft, das Trainerteam und der Staff haben sehr gut zusammengefunden. Jeder Einzelne trägt zu einer positiven Grundstimmung bei. Wir arbeiten sehr hart, fleißig und intensiv Woche für Woche. Das gefällt mir sehr gut.

Der Kader ist dabei relativ jung. Wie bewertest du das?

Unser Durchschnittsalter liegt aktuell bei rund 23 Jahren. Neben unseren Spielern aus dem NLZ haben wir viele weitere junge Spieler im Kader. 23 Aktuere sind 25 Jahre alt oder jünger. Das ist natürlich eine Mannschaft mit viel Potenzial. Gleichzeitig müssen wir den Jungs auch die notwendige Zeit und die entsprechende Unterstützung geben, damit sie sich entfalten können. Genau darum geht es bei unserem Weg: Wir wollen eine Mannschaft aufbauen, die aber auch ergänzt wird durch wichtige erfahrene Spieler. Acht Spieler sind 27 Jahre alt oder älter. Genau diese Mischung braucht es.

Wenn du auf die ersten vier Spieltage zurückblickst: Was sagt dieser Start über die neue Mannschaft aus?

Der Start ist natürlich positiv. Zehn Punkte aus vier Spielen sind eine starke Ausbeute und geben uns Selbstvertrauen. Aber wir sollten das richtig einordnen: Es sind erst vier Spiele gespielt und die Saison ist noch sehr lang. Entscheidend ist, dass wir unsere tägliche Arbeit fortsetzen und die Dinge, die wir uns vornehmen, auch auf dem Platz umsetzen. Wenn uns das gelingt, sind wir auf einem sehr guten Weg.