Verein17.07.2023

„Eine solche Nähe hat noch niemand zugelassen“

Seit Kurzem ist der Aufstiegsfilm „Denk an den Schmerz“ des Filmkollektivs fiorfeld auf unserem YouTube-Kanal verfügbar. Wir haben mit dem Regisseur Kai Thomas Geiger über seine Verbindung zu den Stuttgarter Kickers und die Entstehung des Films gesprochen.

Hallo Kai Thomas, erzähl uns doch mal: Wie bist du zu den Blauen gekommen?

"Meine Geschichte mit den Kickers begann im Jahr 1987, als ich zufällig das DFB-Pokalfinale zwischen den Blauen und dem Hamburger SV gesehen habe. In diesem Spiel haben sich die Degerlocher Jungs direkt in mein Herz gespielt, sodass ich in der darauffolgenden Saison ins Waldau-Stadion gegangen bin und sofort gespürt habe: Das ist mein Verein.

Seitdem habe ich schon alles mitgemacht, vom 4:1-Sieg im Münchner Olympiastadion gegen den FC Bayern über Auswärtsfahrten nach Essen und Mainz bis hin zu unsäglichen Kicks in Pfullendorf und Co. Gerade in den letzten fünf Jahren in der Oberliga habe ich mitgelitten und bin jetzt umso glücklicher darüber, dass die Kickers endlich wieder aufgestiegen sind."

Als der Aufstieg in der abgelaufenen Saison zunehmend zum ernsten Thema wurde, ist unser Geschäftsführer Matthias Becher mit dir in Kontakt gekommen. Wie ist der Film dann entstanden?

"Ich habe die Saison intensiv verfolgt und mir gegen Ende hin, als es sich dann mehr und mehr zugespitzt hat, gedacht, dass man das doch eigentlich dokumentarisch festhalten müsste. Das, was da passiert ist, passiert ja nie wieder. Das ist so eine geile Geschichte, da musste man einfach einen Film daraus machen.

Dann wurde es für mich und meine Kollegen des Filmkollektivs fiorfeld erstmal ein bisschen komplex. Wir planen solche Drehs normalerweise. Bei den Kickers gestaltete sich das aber schwierig, weil es immer hieß – und da ziehe ich meinen Hut vor den Verantwortlichen: „Solange sportlich nicht alles in trockenen Tüchern ist, kommt ihr mit der Kamera hier nirgends hin.“

Kurz vor dem Spiel in Reutlingen hat uns der Verein dann aber Tür und Tor geöffnet und uns in die absoluten Heiligtümer hineingelassen. Dadurch sind wir nicht nur sehr nah an die Mannschaft herangekommen, sondern auch an die Essenz und das Momentum dieser Zeit, von den letzten Spielen. Das war für mich erstaunlich und beeindruckend, denn ich habe schon für einige nationale wie internationale Vereine gearbeitet. Eine solche Nähe hat aber noch niemand zugelassen."

Warum heißt der Film „Denk an den Schmerz“?

"Titelgebend war in dem Fall der Cheftrainer Mustafa Ünal. Er hat seinen Spielern immer wieder mitgegeben und uns in einem nächtlichen Gespräch am Mittelkreis des GAZi-Stadions auf der Waldau erzählt, dass das seine Motivationsspritze war. Eben nicht nur die Euphorie mitzunehmen, sondern immer dran zu denken, wie sehr es diese letzten fünf Jahre wehgetan hat – vor allem am Ende der letzten Saison, wo man knapper nicht hätte am Aufstieg scheitern können.

Wir haben die Interviews nachts im Stadion gefilmt, da es für uns ganz wichtig war, dass wir Dinge tun, die die Leute mal aus der Wohlfühlzone herausholen und aus dem, was man kennt. Es sollte eben nicht ein 5-Minuten-Interview mit einem Mikrofon vor der Sponsorenwand werden, in dem wir Floskeln hören wie „Die Mannschaft ist der Star“. Wir wollten mit allen ein bisschen in die Tiefe gehen und fragen, was der Aufstieg wirklich bedeutet, wie die letzten Jahre waren – als Fan, Spieler, Trainer und Verantwortlicher.

Auch da ist eine unglaubliche Offenheit entstanden, die uns beim Schneiden enorm geholfen hat, weil wirklich mal aus dem Nähkästchen geplaudert wurde. So wie sie uns in die Kabine gelassen haben, haben sie uns in ihre Seele schauen lassen. Genau das wollten wir erzählen."

Warum ist der Film so ruhig und wenig euphorisch?

"Das war ehrlich gesagt am Anfang gar nicht so geplant. Wir hatten ursprünglich eine Schnittversion, in der es bis zur Hälfte um Demut, Schmerz und schwere Zeiten ging. Dann schwenkte die Stimmung um und wir hatten plötzlich jubelnde Bilder, viel Lautstärke und Trubel, wie man einen Fußballfilm machen würde. Die haben wir uns dann angeguckt und festgestellt, dass wir jetzt einen Imagefilm für einen Fußballverein gemacht haben und genau das wollten wir nicht. Das hätte man auch über jeden anderen Verein, der gerade erfolgreich ist, so erzählen können. Aber wir wollten die Essenz der Kickers zeigen, das Besondere an diesem einzigartigen Aufstieg. Das ist der Grund, warum der Film am Ende ruhig geblieben ist. Weil er auch im Moment des Aufstiegs immer noch diese Demut hat. Weil er den Blick zurück auf den Schmerz richtet. Und weil wir durch die Nähe, die uns als Team so fasziniert hat, auch plötzlich was ganz anderes gespürt haben als immer nur Jubel, Trubel, Heiterkeit.

Natürlich haben die Spieler gejubelt und waren erleichtert, als wir mit ihnen gesprochen haben. Es gab aber für alle immer noch dieses Gefühl des Fast-Nicht-Wahrhaben. Nach so vielen Rückschlägen durch Corona, die letzte Saison und Mitkonkurrenten, die einen dann in der allerletzten Minute doch noch überholt haben, steckte im Jubel immer noch so viel Demut, Melancholie und Sentimentalität drin. Deshalb habe ich beschlossen, dass wir den Film so erzählen, wie wenn du die Saison oder die letzten fünf Jahre nochmal vor dem inneren Auge vorbeiziehen lässt. Da läuft dann auch keine Remmidemmi-Musik und es gibt nicht nur Jubelbilder, sondern du erinnerst dich vor allem an diese Momente.

Letzten Endes ist daraus dann ein naher und emotionaler Film geworden, weil für mich Emotionen nicht nur Freude und Ausgelassenheit sind. Wir haben die Spieler erlebt, wie sie komplett ausgelassen im Bus gefeiert haben, aber Fußball ist halt nicht nur 90 Minuten Anfeuern, Tiki-Taka, tolle Spielzüge und ein 7:0. Fußball ist auch irgendwie im November 0:1 auswärts verlieren und 50 Leute müssen sich durchgefroren wieder die Alb herunter quälen.

Dass wir das bei aller Euphorie nicht vergessen, das soll der Film erzählen und ich glaube, das ist uns gut gelungen. Ich bin gespannt, was die Fans davon halten."

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